Hubert Weinzierl über die deutsche Landschaft: Essay zum 60. Geburtstag der BRD am 23.09.2009

Wieder ausgekramt weil immer noch gültig

Der folgende Artikel stammt aus umwelt aktuell Ausgabe 05.2009. Mein herzlicher Dank geht an Herrn Hubert Weinzierl für die freundliche Erteilung der Abdruckgenehmigung.

Happy Birthday – 60 Jahre Niedergang der deutschen Landschaft

In der Bundesrepublik Deutschland jährt sich am 23. Mai die Annahme des Grundgesetzes. Aus Sicht des Naturschutzes gibt es jedoch nicht allzu viel zu feiern. HUBERT WEINZIERL plädiert für Gesundschrumpfen und hält kritische Rückschau.

***********
Aus der Sicht eines Naturschützers, der in vielfachen Funktionen über fünfzig Jahre lang die Umweltpolitik begleiten durfte, kann ich feststellen, dass in der Zeit seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland bis heute auf unserem Globus mehr Veränderungen geschehen sind als in der gesamten Menschheitsgeschichte zuvor. Und dass diese Zeitspanne auch mehr an geistigen und seelischen Erschütterungen unserer bisherigen Weltanschauung gebracht hat.

Am dramatischsten erscheint mir dabei die Entwicklungsgeschichte der Weltbevölkerung, die ja auch unmittelbaren Einfluss auf unser Land gehabt hat. Sie hat sich in diesen sechzig Jahren, die viele unter uns selbst miterlebten, von damals zwei Milliarden auf heute sechs Milliarden verdreifacht, ohne dass unsere Erde mitgewachsen ist und ohne eine Ethik der Nachhaltigkeit, die dieses Wachstum mit retardierenden Elementen begleitet hätte. Der größte Irrtum dieser Zeitspanne war der geradezu abgöttische Glaube an das quantitative Wachstum, das einige weitblickende Visionäre schon 1950 zur Gründung des Deutschen Naturschutzrings veranlasst hat. In dem damaligen Aufruf hieß es:

“Wir sind keine Pessimisten. Wenn wir es wären, stünden wir nicht beim Naturschutz. … Wenn die Menschen sich schon als Treuhänder betrachten in der Verwaltung dieser Erde, dann müssen sie auch die Folgerung daraus ziehen, dass ein Treuhänder zum Verbrecher wird, wenn er anvertrautes Gut egoistisch vergewaltigt, um schließlich eine Wüste zu hinterlassen.”

Einige wenige Zahlen machen den Niedergang der deutschen Landschaft deutlich.

Unser Straßennetz hat sich seither von damals 350.000 Kilometern auf etwa 700.000 Kilometer Länge verdoppelt. Rechnet man die ausgebauten land- und forstwirtschaftlichen Straßen hinzu, so sind es weit über eine Million Kilometer. Der Kraftfahrzeugbestand ist seit der Gründung der BRD von 1,5 Millionen auf mittlerweile 54 Millionen angewachsen und der Landverbrauch beträgt heute noch täglich über 100 Hektar. Hinzu kamen die gewaltigen Strukturveränderungen in der Landnutzung: 1949 hatten wir noch 1,7 Millionen Landwirtschaftsbetriebe, 2007 sind davon noch rund 350.000 übrig geblieben, die aber insgesamt mehr Land bewirtschaften. Die damit verbundenen Großstrukturen und die Zerstückelung der Landschaft haben dazu beigetragen, dass im gleichen Zeitraum etwa die Hälfte aller Tiere und Pflanzen in Deutschland auf die Liste der bedrohten Arten gerückt sind.

Aus diesen simplen Daten geht unschwer hervor, dass wir nicht länger von der Substanz leben dürfen. Damit wird das Prinzip Nachhaltigkeit zur historischen Herausforderung für zukunftsfähiges Politikhandeln. Schon der oft zitierte Vater des deutschen Wirtschaftswunders Ludwig Erhard hat angemerkt: “Mir war nicht klar, dass ich zwar die Kassen gefüllt, aber die Altäre geleert habe.” Und Bundespräsident Horst Köhler hat gefordert: “Kleine Kurskorrekturen reichen nicht, wir brauchen eine umfassende Strategie der Nachhaltigkeit und eine neue industrielle Revolution”.

Die deutsche Umweltbewegung geht diesen Weg gerne mit und rät den Verantwortlichen in der jetzigen Krisenzeit, eine Nationalökonomie des Gesundschrumpfens zu suchen, die im Einklang steht mit der Natur, mit globaler Gerechtigkeit und Ehrfurcht vor der Schöpfung.

*******
Der Forstwirt, Umweltaktivist und Autor Hubert Weinzierl ist seit Dezember 2000 Präsident des Deutschen Naturschutzrings. Er ist Mitglied des Rates für Nachhaltige Entwicklung und Kuratoriumsvorsitzender der Deutschen Bundesstiftung Umwelt.

Kontakt: Tel. +49 (0)9966 / 777, Fax 490, E-Mail: hubert.weinzierl@dnr.de, www.schloss-wiesenfelden.de, www.dnr.de

2 thoughts on “Hubert Weinzierl über die deutsche Landschaft: Essay zum 60. Geburtstag der BRD am 23.09.2009

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*


*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>