Am 07.11.2011 erhielt ich gegen 21:30 Uhr die unten abgedruckte eMail. Absender ist Eckehard Niemann von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL).
Niemanns Leserbrief ( Zynische Welthunger-Instrumentalisierung ) bezieht sich auf einen dpa-Bericht vom 05.11.2011, in dem Verlautbarungen von Peter Cornelius von der Landesvereinigung der Milchwirtschaft Niedersachsen wiedergegeben werden. Zum besseren Verständnis zunächst die Position der Milchwirtschaft und dann der Leserbrief der AbL.
Mit der Bitte um Veröffentlichung dieses Leserbriefs
und mit freundlichen Grüßen
Eckehard Niemann
Varendorfer Str. 24
29553 Bienenbüttel
0151-11201634
dpa – 05.11.2011 über Position der Milchwirtschaft:
Agrarförderung
EU-Pläne würden laut Landwirten Milch verteuern
Bei der EU-Agrarförderung geht es um Milliarden. Viele Länder haben Widerstand gegen die Brüsseler Reformvorschläge angekündigt. Auch Deutschlands Milchbauern sehen gravierende Nachteile: Die Ausweitung von Öko-Flächen könne die Produktion drosseln und Preise erhöhen.
Hannover/Isernhagen. Die Pläne der EU-Kommission zur Reform der Agrarpolitik könnten auch die deutschen Milchbauern aus Sicht der Branche empfindlich treffen und Milch stark verteuern. „Eine Stilllegung von Flächen um 7 Prozent aus Umweltgründen würde zu einer Verknappung und Einschränkung der Produktion führen“, warnte der Chef der Landesvereinigung der Milchwirtschaft Niedersachsen, Peter Cornelius, im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.
Nach dem Mitte Oktober vorgelegten Konzept der Brüsseler Behörde zur Agrarpolitik zwischen 2014 und 2020 sollen Europas Landwirte unter anderem einen Teil ihres Landes in “ökologische Vorrangflächen“ umwandeln. Dies könnte nach Cornelius’ Einschätzung mittelfristig die weltweite Knappheit an Nahrungsmitteln verschärfen: „So was passt nicht in diese Zeit. Experten sagen, dass die Weltbevölkerung weiter in Richtung acht bis neun Milliarden wächst.“ In dieser Woche war nach UN-Angaben der siebenmilliardste Erdbürger geboren worden.
„Das Nahrungsmittelproblem ist nicht nur ein Verteilungs-, sondern auch ein Herstellungsproblem“, meinte der Verbandsvorsitzende. „Auch die Milchbauern müssen mehr produzieren dürfen, statt Flächen abbauen zu müssen.“ Am Montag (7. November) will der Landesverband bei einer Mitgliederversammlung in Isernhagen über die möglichen Folgen der Umweltauflagen beraten. Dazu werden auch Niedersachsens Agrarminister Gert Lindemann (CDU) und Bauernpräsident Werner Hilse erwartet.
Cornelius sagte, auch die Milchwirtschaft könne ihren Beitrag zu einer besseren globalen Versorgung leisten: „Aber ein Hektar weniger genutztes Land bedeutet vier tote Menschen in anderen Erdteilen.“ Auch Grünland-Betriebe seien weiterhin auf hinreichend große Flächen etwa für den Anbau von Mais zur Tierfütterung angewiesen. Die Skepsis von Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) gegenüber neuen bürokratischen Kontrollen bei der reduzierten Agrarförderung teilte der Verbandschef: „Das könnte umständlich werden.“
Lob für die EU gab es dagegen wegen des geplanten Wegfalls der umstrittenen Milchquoten-Regelungen. Es könne auch künftig vereinzelt zu einem Überangebot von Milch kommen – „in der Regel aber wohl nicht mehr“, schätzte Cornelius. Nicht die jahrelang umkämpften Quoten, sondern der Mangel an verfügbaren Flächen und Tieren werde für die Milchbauern zunehmend zum Engpass-Faktor. „In der Milchpreis-Krise sind viele Erzeuger ausgestiegen und haben sich Biogas und anderen Produktionsformen zugewandt“, sagte er. „Die verbleibenden Kollegen können die steigende Nachfrage wahrscheinlich auch so befriedigen.“
dpa
Leserbrief der AbL zum Artikel „EU-Pläne würden laut Landwirten Milch verteuern“ in Ausgabe vom 7.11.2011:
Zynische Welthunger-Instrumentalisierung
Wenn Herr Cornelius als Chef der „Landesvereinigung der Milchwirtschaft Niedersachsen“ vor einer angeblichen „EU-Stilllegung“ von „7% der Flächen“ warnt, dann spricht da kein Vertreter der Bauern oder Landwirte, sondern einer der „Milchwirtschaft“ bzw. der Molkereien. Und wenn er vor einer Verringerung der angelieferten Milchmenge warnt und vor einem „Preisschub“, dann drückt sich darin vor allem die Sorge der Großmolkereien aus, eine verringerte Milchanlieferung der Milchbauern könnte zu einem Anstieg der Erzeugerpreise führen. Die Molkereien befürchten zudem, nicht mehr so viel „Rohstoff“ für ihre „Eroberung der Weltmärkte“ mit ihrem Milchpulver oder Käse zu bekommen.
Mit der Welternährung haben diese Lieferungen an die neuen Mittelschichten der Schwellenländer aber rein gar nichts zu tun. Insofern ist es zynisch und makaber, wenn Herr Cornelius aufrechnet, dass ein hiesiger Hektar weniger genutztes Land vier tote Menschen in anderen Erdteilen bedeute. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Wenn wir hier unsere Milchüberschüsse verringern, nehmen wir den Kleinbauern in Übersee weniger Land weg, auf dem Agrarindustrielle jetzt noch das Gentechnik-Soja für den Import nach Europa anbauen (und dabei auch noch den Regenwald zerstören).
Schlimm, dass es immer noch Propagandisten der Agrarindustrie gibt, die den Welthunger durch die Überproduktion hier angeblich beseitigen wollen. Ein Hungernder, der arm ist, soll dadurch satt werden, dass er unsere Überschüsse kauft? Genau diese subventionierten Dumping-Exporte zerstören doch die Existenz vieler Bauern in den armen Ländern. Der UN-Weltagrarbericht hat das sehr deutlich gemacht.
Herr Cornelius dramatisiert die Pläne der EU, die weitere Zahlung von Hektarprämien an die Bedingung zu knüpfen, dass die Landwirte 7% ihrer beihilfefähigen Acker-Flächen als „im Umweltinteresse genutzte Flächen“ ausweisen. Es geht also gar nicht nur um „Stilllegung“, wie Herr Cornelsen behauptet, sondern auch um extensiv genutzte Randstreifen zum Schutz der Gewässer oder um den Anbau von Eiweißfrüchten wie Kleegras oder Ackerbohnen. Letzteres könnte sogar dazu beitragen, Gentech-Soja-Importe durch heimisches Eiweiß zu ersetzen. Grünland-Flächen und die Flächen von Biobauern sind von dieser Regelung ohnehin nicht betroffen.
Nicht die umweltgerechte Nutzung von geringen Acker-Teilflächen führt zu einer Flächenbedrohung der Milchbauern – vielmehr verlieren sie ihre Pachtflächen durch die von manchen Biogaserzeugern gezahlten horrenden Pachtpreise. Aber das findet Herr Cornelius keiner Kritik wert. Mit seinen schlimmen Parolen setzt er die Akzeptanz der Landwirte und der dringend erforderlichen EU-Flächenprämien aufs Spiel – im Interesse von Agrarindustrie und Ernährungsindustrie.
Eckehard Niemann, Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), Varendorfer Str. 24, 29553 Bienenbüttel, 0151-11201634