Haben Sie einmal versucht, einen Augenblick lang nicht zu denken? Ich hatte einen „Lehrer“, der mich bat, ich solle in der kommenden halben Stunde einfach nur im Stillen zählen. Wann immer mir dabei ein Gedanke durch den Kopf ginge, sollte ich neu bei Eins anfangen.
Ich hielt viel von den spirituellen Fähigkeiten dieses Mannes und fragte ihn, wie weit er maximal gekommen sei. Er lachte, weil ich wie stets sofort eine nach Wettbewerb und Leistung riechende Frage stellte. Gekommen war er bis 1. Er war aber wohl auch ein sehr achtsamer Mann und merkte es sofort, wenn ihm eine Gedanke durch den Kopf schoss. Das ist eine seltene Fähigkeit, die geübt sein will.
Ein gutes Leben führen – das setzt Einiges voraus. Vor allem könnten wir versuchen, „voll da“ zu sein in unserem Dasein.
Schlüsselwörter für Voll-da-sein sind „Achtsamkeit“ und „Annehmen“. Achtsam sein heißt schlichtweg: Offen und wach sein für etwas oder alles, das genau in diesem Moment um mich herum geschieht. Und das, was momentan ist, nehmen wir zunächst einmal bedingungslos an als das, was ist. Nicht darüber nachdenken – nur beobachten.
Es gibt wahrscheinlich recht wenige Menschen, die es schaffen, oft achtsam im Hier und Jetzt präsent zu sein. Die meisten von uns sind selten hellwach, weil sich unser Gehirn ständig mit unvollendeten Gedanken und unverarbeiteten Gefühlen beschäftigt, mit Erwartungen, Bewertungen, Ängsten, Widerstand.
Viele Leute kriegen nicht einmal mit, was gerade mit ihnen los ist. Andere fühlen nur: Da ist „Watte“ im Kopf, eine irgendwie geartete Abwesenheit.
Ich bedaure es, aber bei Gesprächen bin ich manchmal nicht voll auf mein Gegenüber konzentriert. Und genauso esse und trinke ich oft, schmecke es jedoch kaum. Oder ich lese und merke plötzlich: Du warst woanders! Beim Korrekturlesen übersehe ich offensichtliche Mängel. Alles Zeichen, dass Hintergrundprozesse ablaufen, die Aufmerksamkeit abziehen.
Wissen Sie, wann ich wirklich oft voll bei der Sache bin? Wenn ich beispielsweise aus dem Fenster schaue und da putzt sich gut sichtbar eine Blaumeise. Oder sie erkundet den Nistkasten oder jagt sich mit einer Artgenossin. Oder sie guckt nur herum. Solche Momente können mich in den Bann ziehen. Ich schaue, bin fasziniert und voll da. Wenn mir dabei ein Gedanke durch den Kopf schießt, dann dreht er sich um die Meise. Ich formuliere im Kopf eine Beobachtung, setze vielleicht auch ein Fragezeichen. Aber ich bin 100 % bei einer Sache.
In den nächsten Monaten will ich mich intensiver mit Wildbienen befassen. Ich will durch Bücher und im Internet und in Gesprächen mehr über sie erfahren, ich will mich draußen nach ihnen umschauen, sie beobachten, fotografieren – und all das wieder in meinem Blog verarbeiten.
Mein persönliches Ziel bei meiner Beschäftigung mit Wildpflanzen und Wegrainen, mit Gärten und Insekten ist, öfter ganz im Naturerleben aufzugehen und damit intensive Momente der Achtsamkeit zu erleben und zu üben. Es ist dem in mir tief verwurzelten Leistungs- und Zweckgedanken und meinem Geltungsdrang geschuldet, dass ich dabei auch fotografieren und darüber bloggen will. Sicher wäre es besser, nur allein für mich – an sich, für sich – zu studieren und zu betrachten und anwesend zu sein. Aber das ist schwer. Aus irgendeiner sichtbaren und letztlich verkaufbaren Leistung muss man schließlich seine Daseinsberechtigung beziehen. Oder? Mein eingangs erwähnter “Lehrer” würde wieder grinsen.