Tierhaltung geht auch anders: Erkenntnisse eines ungewöhnlichen Milchbauern

Herwig Klemp, 29.03.2011

“Unsere 25 Milchkühe sind im Schnitt siebeneinhalb Jahre alt. Und unsere älteste Kuh – sie heisst Lexi – ist jetzt 13.”  Bei diesen Worten von Jungbauer Bernd Vollmer staunen die rund 70 Besucher der Milchtagung in Warburg-Hardehausen nicht schlecht. Den dort am 28. Februar 2011  versammelten Praktikern muss der 34-jährige Bioland-Milcherzeuger nicht erst erläutern, dass in einem normalen Betrieb nur wenige Kühe älter als drei Jahre werden. Es gilt als ökonomisch sinnvoll, die Tiere bereits bei eher leichten Krankheitssymptomen zum Schlachthof zu bringen.

Auf dem Vollmerschen Hof wird traditionell versucht, kranke Tiere mit homöopathischen Mitteln zu kurieren. Das gebietet für sie schon die Liebe zum Tier. Aber bereits Bernd Vollmers Großvater sagte einst: “Alte Kühe sind das Kapital des kleinen Betriebes.” Der Jungbauer hat die Werthaltungen und das Wissen seines Vaters und Großvaters verinnerlicht. Trotzdem hat er sich die Mühe gemacht, über einen mehrjährigen Zeitraum die wirtschaftliche Seite des traditionsreichen Vorgehens mit der heute gängigen Praxis der Milcherzeugung zu vergleichen. Beraten von Fachleuten der Landwirtschaftskammer hat er beispielsweise die Kosten für die Aufzucht von Kühen einbezogen und auch berücksichtigt, dass deren Milchleistung anfangs nur langsam zunimmt. Bernd Vollmers Vergleichsberechnungen belegen: Seine nachhaltige Tierhaltung ist deutlich wirtschaftlicher als der übliche Weg.

Die Nutzungsdauer von Vollmers Milchkuhherde liegt nicht nur fünf Jahre höher als der bundesdeutsche Durchschnitt. Überrascht waren die anwesenden Praktiker auch von der Relation zwischen Futtereinsatz und Milchleistung: Zusätzlich zum Grundfutter aus Gras, Heu und Silage gibt es nur wenig Kraftfutter: Etwa 1,5 Kilogramm erhalten die Tiere pro Tag an Hafer-Gerste-Gemenge. Aus diesen Futtergaben bringen die Kühe auf dem Vollmerschen Hof in Rheda-Wiedenbrück 7.500 Kilogramm Milch pro Tier und Jahr. Eine stolze Leistung!

Erzeugt wird das Kraftfutter auf dem eigenen Hof. Etwa die Hälfte der 34 Hektar Betriebsfläche sind Grünland, der Rest Ackerland. Als Kulturarten erzeugen Vollmers Kleegras, Sommerweizen, Winterroggen, Dinkel, Silomais, Kartoffeln und Hafer-Sommergerste.

34 Hektar Betriebsfläche, 25 Kühe: das Ganze in der Niederung der Ems in Rheda-Wiedenbrück, auf sandigem und sandig-lehmigem Boden mit nur 15 bis 50 Bodenpunkten. Über den Äckern von Vollmers Biohof jubilieren im Frühjahr noch Feldlerchen. – Überall aber hört man, Milchbauern seien ganz besonders von einer Landwirtschaftspolitik und einem Markt betroffen, die gnadenlos zu stetigem Wachstum zwingen, um über die steigende Produktionsmenge die viel zu geringen Erzeugerpreise zu kompensieren. Selbst Bio-Milcherzeuger halten im Durchschnitt schon fast 60 Kühe.

Wie sehen Vollmers in die Zukunft? Denken sie an eine Erweiterung des Betriebes? Der Jungbauer antwortet eher philosophisch: “Immer mehr, mehr, mehr und ständig vergrößern, das ist keine Lösung. Bäume wachsen auch nicht in den Himmel. Krebs wuchert bis er seinen Wirt zerstört.” Worauf es seiner Ansicht nach wirklich ankommt: “Gut und genau sein in dem was man tut – und seine Aufgaben mit Sparsamkeit, Ehrgeiz und Liebe anpacken.”

Aus dem Munde eines Jungbauern, der als Familienvater auch an kommende Generationen denkt, klingt das ungewohnt. Ein wenig fremd mutet es an, klingt als unternehmerischer Wahlspruch vielen Menschen vielleicht sogar weltfremd. Aber das ist Bernd Vollmer ja keineswegs. Sonst wären die eingangs erwähnten 70 Praktiker auch nicht so beeindruckt gewesen von seinem Bericht.

 

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